Berliner Konzert Chor

Presse-Echo

 

 

12. April 2014, Tonhalle Zürich

"Giuseppe Verdi, MESSA DA REQUIEM"

Erschütternd

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

Michelle Ziegler Montag, 14. April 2014

Stille, einige gedehnte Sekunden lang. Keine Bewegung, kein Rascheln oder Husten im fast bis auf den letzten Platz besetzten grossen Saal der Zürcher Tonhalle. Keine Verwirrung, ob das Ende erreicht sei. Nur die Stille nach einem ergreifenden, ja erschütternden Ereignis: Könnte die Anerkennung für die geleistete Arbeit stärker zum Ausdruck kommen? Zufrieden haben die Aufführenden sie entgegengenommen, denn die geleistete Arbeit war in diesem Fall keine geringe. Eine Aufführung der «Messa da Requiem» von Giuseppe Verdi mit ihren Chorfugen stellt jeden Laienchor vor grosse Herausforderungen.

Starke Kontraste

Zudem galt es bei dieser Aufführung, die verschiedenen Mitwirkenden zusammen zubringen. Zu den 100 Sängern des traditionsreichen Konzertchors Harmonie Zürich gesellten sich Gäste des Berliner Konzertchors, mit dem vor bald drei Jahren ein erstes gemeinsames Projekt realisiert worden war. War damals die Zweitaufführung des Chorwerks «Atesh» von Alfred Felder der Anlass zum Zusammentreffen, wählte man für die Fortsetzung der Kooperation eines der beliebtesten und meistgespielten Werke des Repertoires. Zwei Wochen vor der Reise der Zürcher nach Berlin gelang es dem Dirigenten Peter Kennel in der Aufführung in der Tonhalle, die auswärtigen Gäste bestens zu integrieren. Aufmerksam agierten auch die Musiker des noch jungen Orchestra of Europe, das sich aus dem Gustav-Mahler- Jugendorchester gebildet hat. Es begleitete den Konzertchor Harmonie für einmal anstelle des Tonhalle-Orchesters, da dieses zurzeit auf Tournee in Japan weilt. Kennel leitete das umfangreiche Kollektiv dazu an, in Verdis Requiem starke Kontraste zu bilden: Das «Dies irae» vermochte mit scharf abgesetzten Schlägen und markanten chromatischen Linien aufzuwühlen, worauf das «Tuba mirum» aus der Ruhe rasant anschwoll. Die folgenden solistischen Teile führten zur intensiven Versenkung – nur mit wenigen Schwierigkeiten der Balance zwischen Solisten und Orchester.

Homogenes Solistenquartett

Die Homogenität des Solistenquartetts zeigte sich im «Dies irae», wo die vier Sänger in den unterschiedlichen Kombinationen wunderbar dosierten. Bettina Ranch (Mezzosopran) und Carsten Sabrowski (Bass) gestalteten hier nachdrücklich und verfeinert, so auch der Tenor Garrie Davislim, dessen Stimme sich in der Höhe allerdings merklich verengte. Die Sopranistin Manja Sabrowski liess sich hie und da zu nachlässiger Diktion verleiten, vermochte aber im schliessenden «Libera me» die Klammer zum Beginn des Werkes zu schliessen, worauf die Stille folgte.

 

 

15. Mai 2013, Konzerthaus

"Johann Michael Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, REQUIEM"

Höllisch gut: Mozarts Requiem

mit dem Berliner Konzert Chor

Der Tagesspiegel, Freitag, 17. Mai 2013

Wer geglaubt hat, dass Michael Haydns Requiem in c-moll nur ein leichtgewichtiger Auftakt zu Mozarts berühmtem letzten Werk werden würde, sieht sich getäuscht: Tatsächlich handelt es sich bei dem Stück nicht nur um ein frühes geistliches Hauptwerk des jüngeren Bruders von Joseph Haydn, sondern auch hörbar um das Modell für Mozarts Requiem. Jan Olberg, der beide Werke mit dem Berliner Konzert Chor sowie dem Berliner Konzert Orchester im Konzerthaus dirigiert, betont die Gewichtigkeit des Stücks, indem er es auch interpretatorisch aus der chorsymphonischen Tradition des 19. Jahrhunderts betrachtet. Gewaltige Klangmassen brauen sich zusammen, aber es ist eine Masse mit Klasse: Von Ehrfurcht im wahrsten Sinne des Wortes erzählt das stählerne Sanctus, effektvoll – wenn vielleicht auch in der Häufung etwas stereotyp – wendet Olberg die Satzschlüsse der düsteren Chöre in gleißendes Dur. Feinheiten der Textausdeutung wie den harmonischen Höllensturz bei „ne cadant in obscurum“ oder den leuchtenden Sopraneinsatz im Lux aeterna entgehen ihm dabei dennoch nicht. In den Forte-Passagen von Mozarts Requiem kann der Chor seine Strahlkraft bewahren, doch spätestens im Offertorium mit seinen anspruchsvollen dynamischen Kontrasten hat man den Eindruck, dass diese Kraft auch ein wenig auf Kosten der Tragfähigkeit und Klangschönheit des Piano geht. Für einen guten Ausgleich sorgen indes die Solisten Anne Bretschneider (Sopran), Ines Muschka (Alt), Michael Zabanoff (Tenor) und Jonathan de la Paz Zaens (Bass), die insbesondere ihre gemeinsamen Passagen sehr homogen und mit kultivierter Lebendigkeit gestalten. Carsten Niemann

 

 

14. April 2013

"Cambridge meets Berlin"

Berliner Konzert Chor mit den King's Voices

in der Kirche Am Hohenzollernplatz, Berlin

ARTOSCRIPT, Sonntag 14.4.2013

Horst Rödiger in LiveKritik

Mit den hochragenden Spitzbögen ihres Kirchenschiffs, den farbigen Fenstern und dem mosaikgeschmückten Eingang ist die 1933 nach dem Entwurf von Ossip Klarwein fertiggestellte Kirche Am Hohenzollernplatz im Westen Berlins ein markantes Architekturdenkmal des Expressionismus. An diesem Ort zwei renommierte Chöre aus Deutschland und England zusammenzuführen, verhieß ein musikalisches Ereignis besonderer Qualität, und dementsprechend war der weitläufige Kirchenraum zu diesem Konzert voll besetzt. Die gastierenden King's Voices aus Cambridge sind der gemischte Chor des dortigen King's College, und die etwa 30 Stimmen des 1997 gegründeten Ensembles gehören sämtlich Studenten, Doktoranden oder Dozenten des berühmten College. Leiter des Chores ist seit 2001 Simon Brown, der sich sowohl als Sänger wie als Komponist einen Namen gemacht hat. Seiner Leitung sind unter anderem Aufführungen selten zu hörender Meisterwerke aus Barock und Romantik zu danken. Der Chor gestaltet an jedem Montag den "Evensong" in der "King's Chapel" von Cambridge, tritt aber auch bei Gottesdiensten und Konzerten an anderen Orten von East Anglia auf. Den Berliner Konzert Chor, der einen festen Platz im Konzertleben der Stadt einnimmt, leitet Jan Olberg. Den Klavierpart übernahm beim Konzert die Korrepetitorin des Berliner Konzert Chores, die 1976 geborene Japanerin Yuki Inagawa. Den Auftakt übernehmen die deutschen Gastgeber mit der Deutschland-Reminiszenz des britischen "Master of the King's music" Edward Elgar: Fünf Impressionen "From the Bavarian Highlands", in denen der Komponist Urlaubseindrücke verarbeitet hat. Das Werk wurde am 21. April 1896 in Worcester unter Elgars Leitung uraufgeführt. Die Kirche Am Hohenzollernplatz hat eine Akustik mit deutlichem Nachhall zu bieten, was dem Klavier einen Sound nach Art einer Turnhalle verleiht, den Chorklang aber sehr schön atmen lässt. Chorleiter Jan Olberg gibt mit intensivem gestischen Einsatz die prägenden Impulse. Die King's Voices starten mit "O praise the Lord" von Adrian Batten, der von 1591-1637 lebte. Sofort fallen die jungen, wunderschön hellen Soprane auf, die dem Klang des vergleichsweise kleinen Chores Leuchtkraft und Intensität geben. Der Komponist der folgenden, 1641 entstandenen Hymne"Almighty and Everlasting God", Orlando Gibbons, war selbst Sänger am King's College und Organist an der Westminster Abbey. Der nicht sehr stark besetzte Tenor und Bass ist gleichwohl stimmkräftig, selbstbewußt und klangschön, im Ausklang stets sehr kultiviert. Im anschließenden Gloria von Thomas Weelkes, der von 1576 bis 1623 lebte, begeistern wieder die erstaunlich schwebenden Sopranstimmen. Das "Ave verum corpus" vom Shakespeare-Zeitgenossen William Byrd, der auch Organist an der Royal Chapel in London war, bietet wohl das insgesamt schönste, würdigste Klangbild dieser Werkauswahl. Den Abschluß des Soloauftritts der Gäste bilden drei 1870 komponierte Motetten des Leipziger Musikprofessors und Thomaskantors Ernst Friedrich Richter, vorgetragen in der deutschen Originalsprache. Schließlich vereinen sich beide Chöre zu zwei Motetten, deren erste "Richte mich, Gott" als opus 78,2 von Felix Mendelssohn-Bartholdy 1843/44 komponiert wurde, hier geleitet von Simon Brown. Abschließend dann "Unser lieben Frauen Traum" op. 138 Nr. 4 , im Jahre 1916 komponiert von Max Reger, und hier leitet Jan Olberg beide Chöre, die nun sehr klangmächtig zu vernehmen sind. Reicher Beifall, mit einer Zugabe vergolten, ist der Dank für dieses sehr gelungene Gastspiel.

 

 

25. Oktober 2011, Philharmonie (Großer Saal)

"Biblisches Licht und Mevlanas Feuer"

DER LANDBOTE (Züricher Regional-Zeitung)

Mittwoch, 2.11.2011

BERLIN. Ein in der Tonhalle Zürich 2007 uraufgeführtes Oratorium von Alfred Felder erlebte seine erste Aufführung im Ausland vergangene Woche in der Berliner Philharmonie.

HERBERT BÜTTIKER

Das Oratorium «Âtesh», das auf Versen des persischen Dichters Mevlana Djelaleddin Rumi (1207-1273) basiert, ist das Werk eines Komponisten, der in der (katholischen) Innerschweiz aufgewachsen ist. seit Jahrzehnten im (protestantischen) Winterthur wohnt und arbeitet, sich auch mit Schamanismus beschäftigt hat und in jüngerer Zeit tief in den islamischen Orient eingetaucht ist - und doch auch wieder nicht. Denn Alfred Felder (*1950) hat die Verse – in deutscher Übersetzung, in einigen Sequenzen aber auch im Original – in einer musikalischen Sprache vertont, die der westlichen Tradition und Moderne und dem großen Apparat von gemischtem Chor, Solisten und Sinfonieorchester verpflichtet ist. Doch bestimmt gerade die spezielle Verbindung kultureller Hintergründe die Rezeption des Werks, die jetzt um ein Berliner Kapitel reicher ist. Komponiert wurde «Âtesh» für den ambitionierten Zürcher Konzertchor Harmonie. Die Uraufführung im großen Saal der Tonhalle Zürich unter der Leitung seines Dirigenten Peter Kennel hinterließ einen tiefen Eindruck  auch bei den Ausführenden, und sie war ein Ereignis, das sich in Musikerkreisen herumsprach und auch in Berlin registriert  wurde.  Zur  Aufführung  von «Atesh» im großen Saal der Berliner Philharmonie kam es nun am 25. Oktober im Zeichen des 50. Jahrestags des «Anwerbeabkommens» zwischen der Türkei und Deutschland, das 1961 die Einwanderung der «Gastarbeiter» regelte. Das Konzert verstand sich als Beitrag zur «verbindungsstiftenden Begegnung der Religionen und Kulturen... Beim Begriff "Botschaft" ist zwar Vorsicht geboten, weil dem Stück nichts Programmatisches oder gar Moralisierendes anhaftet: Rumis Verse sind von einer offenen, elementaren  Symbolsprache geprägt, vom Feuer, vom Wein, vom Grab ist die Rede, und der «0fensingt  berauschte  Verse».  Aber  ein Werk. dessen Inspiration die Erfahrung der spirituellen Wurzeln des Mensch seins in Ausdrucksbereichen sucht, die hinter allem Konfessionellen oder eben in der Musik als solcher liegen, hat in einer religiös gespaltenen Welt eben doch eine aktuelle Botschaft. Licht und Feuer Ein explizit christliches Werk des in Berlin lebenden  Komponisten John Allison Campbell, die Sinfonie «Lux mundi», eröffnete das von Jan Olberg geleitete Konzert am 25. Oktober, gefolgt von einem Vortrag eines Sufi-Ensembles der Deutsch-türkischen Musikakademie mit Texten islamischer Mystiker und der Aufführung von «Âtesh» als großem Schlusswerk des Abends mit 200 Mitwirkenden. Um die dreißig «Atesh»-begeisterte Mitglieder des Konzertchors Harmonie waren zu Proben und Konzert angereist und verstärkten den Berliner Chor, der schon mit der Uraufführung von Campbells Sinfonie ein großes Pensum zu bewältigen hatte. Zwei Passagen hatte Felder für den ebenfalls involvierten Kinderchor des Händel-Gymnasiums Berlinneu eingerichtet, und ausgezeichnete Solisten standen mit der Schweizer Sopranistin Yvonne-Elisabeth Friedli und dem von den Philippinen stammenden Bassbariton Jonathan de la Paz Zaens auf dem Podium. Es spielte das mit dem Chor eng verbundene Berliner Konzert-Orchester, das insbesondere mit seinen Bläsern und dem Schlagzeug viel zur starken Wirkung der Aufführung beitrug. Im Konzertsaal war der Applaus enthusiastisch; wie weit der Abend auch im Sinne des glänzend gezogenen offiziellen Rahmens - mit dem Bürgermeister Klaus Wowereit als Schirmherr, dem Kulturministerium der Türkei als Förderer und weiterer politischer Flankierung - seine Ausstrahlung erreichte, ist ja wohl schwer abzuschätzen; dass der Schweizer Beitrag dafür bedeutend war, verdient vermerkt zu werden.

 

 

18. Dezember 2010, Konzerthaus (Großer Saal)

Carl-Heinrich Graun, Oratorium in Festum Nativitatis Christi

Arcangelo Corelli, Concerto grosso Op.6 Nr.8

Berliner Morgenpost KONZERTKRITIK

Neuling Graun als Alternative zu Bachs Weihnachtsoratorium

Montag, 20.12.2010

Es soll Zeitgenossen geben, die Bachs Weihnachtsoratorium nicht mehr hören können. … Aber Alternativen sind rar gesät: Heinrich Schütz konnte sich hierzulande mit seiner "Historia der Geburt Christi" nicht wirklich durchsetzen, ähnlich erging es einschlägigen Werken von Charpentier, Telemann und Saint-Saëns. Ob es Carl Heinrich Grauns "Oratorium in Festum Nativitatis Christi" kann? Sein vor seiner preußischen Zeit, also vor 1735 entstandenes Weihnachtsoratorium wurde erst vor wenigen Jahren wieder entdeckt, 1998 erfolgte der Erstdruck. Es ist, anders als seine Passionsgeschichte "Der Tod Jesu", für viele Musikliebhaber noch immer eine Neuigkeit. Der Berliner Konzert Chor unter Jan Olberg präsentierte das 80-minütige Opus am Gendarmenmarkt in sehr geschickter Regie. Man begann mit dem … Weihnachtskonzert Corellis - danach wirkten der virtuose Chorsatz und die … Trompeten in Grauns Eingangs-Chor geradezu aufrüttelnd. Überhaupt bietet dieses Oratorium wunderliche Instrumentationskünste auf, es gibt eine Tenorarie zur Begleitung zweier Fagotte und als Höhepunkt ein Duett von Sopran und Alt, die mit zwei Hörnern konkurrieren. Graun nutzt wie Bach Luther-Choräle, nimmt aber mit einem frischen und zackigen Streicherklang schon den Mannheimer Stil vorweg. Der Text klebt nicht am Lukas-Evangelium, sondern ist dichterisch frei gestaltet und enthält längere Strophen Paul Gerhardts. Das ausgezeichnete Sänger-Quartett gab sich alle Mühe, Graun aus den spätbarocken Konventionen zu befreien, in denen er gelegentlich versinken will. Gleichwohl überwog der Eindruck des Echten und Originellen. Das "Oratorium in Festum Nativitatis Christi" hat in seinem kurzen Erdenwandel schon erstaunlich viele Aufführungen zu verzeichnen. Diese Tendenz dürfte sich fortsetzen. Alle zehn Jahre ist es uns als weihnachtliche Alternative zu Bach willkommen. Volker Tarnow

 

 

Der Tagesspiegel KLASSIK

Frohlocken, die zweite: Berliner Konzertchor singt Graun

Sonntag, 19.12.2010

Vielleicht liegt es am weitgehend unbekannten Programm, dass draußen auf dem Weihnachtsmarkt mehr los ist als drinnen. Jedenfalls bleiben einige Plätze leer beim Gastspiel des Berliner Konzertchors im Konzerthaus am trubelnden Gendarmenmarkt. Dabei stellt der Chor mit dem Weihnachtsoratorium von Carl Heinrich Graun ein barockes Werk in den Mittelpunkt, das bei den meisten Zuhörern zumindest für gespannte Erwartungen sorgen dürfte. Es wurde erst 1999, über 250 Jahre nach seiner Entstehung, in Berlin uraufgeführt. Eine schöne Herausforderung, mit diesem weitgehend unbelasteten Material interpretatorisch zu experimentieren, … … im Kanon „Euch ist heute der Heiland geboren“ entfaltet sich … chorale Deutungshoheit. Dass auch das Berliner-Konzert-Orchester an dieser kurzen Leine geführt wird, macht … Sinn, schon weil der Graun’sche Orchestersatz für barocke Verhältnisse sehr sachlich gehalten ist. Und das Orchester selbst hat schon beim zuvor erklungenen Concerto Grosso von Arcangelo Corelli bewiesen, dass es Klangfarben und orchestrale Gefühlslagen durchaus auch subtil verpacken kann. Wahre Glanzpunkte aber verschaffen dieser Aufführung … die Gesangssolistinnen Barbara Kind und Bhawani Moennsad. Ihr Duett „Herr, im Frieden will ich sterben“ … ist technisch und gestalterisch hohe Kunst. Daniel Wixforth

 

 

November 2009, Konzerthaus (Großer Saal)

Robert Schumann, Das Paradies und die Peri

Tagesspiegel vom 23.11.2009

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Worte verzaubern: Robert Schumanns Oratorium „Peri“ im Konzerthaus

 

Was soll das alles,“ so schimpft Gerd Belkius, Chorbass und Programmheftautor des Berliner Konzert Chors, angesichts vielfältiger Kitsch-Vorwürfe gegenüber Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“. Wüssten die Kritiker und selbsternannten Fachleute nicht, wie man ein Märchen genießt? Gut geschimpft! Tatsächlich ist „Märchen“ das entscheidende Wort, wenn man die Geschichte von der nach Erlösung suchenden persischen Fee richtig verstehen und erzählen will. Im Konzerthaus gibt es an diesem Abend allerdings nur Einen, der die Aura eines echten Märchenerzählers besitzt: den Bass Jörg Gottschick. Mit Blickkontakt zum Publikum singend, gibt der jedem Wort den Zauber des Geheimnisses zurück. Und nicht nur das: Das Bild vom Sünder, der beim Anblick eines in einer Ideallandschaft schlummernden, wehrlosen Kindes in reuige Tränen ausbricht - er malt es nicht mit naiver Hingabe, sondern mit dem überlegten Gestaltungswillen eines Caspar David Friedrich. Gemessen daran, dass selbst Simon Rattle und Ingo Metzmacher ihre Schwierigkeiten mit dem Stück gehabt haben, erfreut Jan Olbergs Dirigat durch seine solide Überzeugungskraft - auch wenn ihn das Konzerthausorchester noch etwas großzügiger unterstützen könnte und die Chorsoprane in ihrem etwas treuherzigen Bemühen um Textverständlichkeit nicht immer wie Engel klingen. Die Sopranistin Silvia Weiss und der Tenor Michael Zabanoff verzaubern nur bei Einzelworten, engagieren sich aber durchgängig für ihre Partien. Die Mezzosopranistin Manuela Bress tut dies auch, ist aber mit ihrer Wagner-Stimme trotzdem keine Idealbesetzung: Schumanns Märchen von der Begegnung mit dem inneren Kind verlangt einfach nach einem kontrollierteren Piano. Carsten Niemann

 

 

Juli 2009, Gendarmenmarkt

Classic Open Air in Berlin

Classic Open Air in Berlin: Firstnight - 2.7.2009

Quelle: ► www.berlinatnight.de

Am Beginn der Konzertfolge auf dem Gendarmenmarkt steht in jedem Jahr die First Night mit unterschiedlichen musikalischen Themen. Dieses Mal erklingen unter dem Titel Klassik Spektakulär bekannte und beliebte Arien, Duette und Orchesterwerke von großen Meistern der klassischen Musik. Spektakulär ist auch die Besetzung des Konzertes. Herbert Feuerstein, Autor, Journalist , Schauspieler, Satiriker, Entertainer und musikalisch "vorbelasteter" Künstler, der in der Presse als Unikum der Medienlandschaft bezeichnet wird, führt auf seine unverwechselbare und originelle Weise durch den Abend. Er plaudert über die Lust und Leidenschaft großer Komponisten und bringt deren Werke dem Zuhörer auf unkonventionelle Weise näher. Mit Carmen Fuggiss, Star der Staatsoper Hannover, Bariton und Countertenor Hagen Matzeit, der zur Zeit an der Komischen Oper Berlin in der Inszenierung "Theseus" gastiert, und der Berliner Konzert Chor vervollkommnen die glänzende Besetzung. Begleitet werden die Solisten von der Anhaltischen Philharmonie Dessau unter ihrem neuen Generalmusikdirektor Antony Hermus. Das Konzert endet mit einem großen Feuerwerk!

 

 

März 2008, Philharmonie Berlin

Felix Mendelssohn Barhtoldy: Die erste Walpurgisnacht

Ermanno Wolf-Ferrari: La vita nuova

Tagesspiegel vom 14.03.2008

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Die Temperaturen der Liebe

Ach, die Liebe! Dante Alighieri erwischte sie schon als Neunjährigen derart heftig, dass er später über dieses Ereignis gleich einen ganzen Stapel beseelter Gedichte verfasste. Nicht minder erregt ist die Kantate „La vita nuova“, die Ermanno Wolf- Ferrari 1901 zu diesen Texten komponierte. Bildgewaltig wie Dantes Sprache durchwandert sie alle Stadien der Anbetung vom Hymnus bis zum Hollywood- Kitsch. Eine für die Entstehungszeit etwas antiquiert klingende Musik, die jedoch für den Berliner Konzert-Chor samt Berliner Konzert Orchester an diesem Abend in der Philharmonie reichlich Stoff für poetische Gestaltung bietet. Einfühlsam arbeiten sich Sänger wie Musiker unter der Leitung von Jan Olberg durch die verschiedenen Temperaturen der Liebe, vom schamhaft glühenden Prolog bis hin zum eisigen Totenlied über die Geliebte, vom prallen Tutti bis hin zum kammermusikalischen Geplauder mit Jörg Gottschick (Bariton) und Birgit Fandrey (Sopran). Nur da, wo in langsamen Passagen Eindringlichkeit mit Pathos verwechselt wird, schleppt es sich ein wenig mühsam dahin. Ein vorübergehendes Dunkel, das die Kinderchöre des Berliner Konzertchores, des Schiller-Gymnasiums Potsdam und des Händel-Gymnasiums Berlin sowie der Löwenkinderchor mühelos wieder aufhellen. Im Gegensatz zum himmlischen Gestus der Dante-Kantate klingt es in Bartholdys „Erster Walpurgisnacht“ erdiger. Hier herrschen Triebe statt Liebe – an diesem Abend zwar ein wenig bedachtsam, doch immerhin voll dunkler Geheimnisse. Dorte Eilers

 

 

März 2007, Philharmonie Berlin

Leonard Bernstein: Chichester Psalms

Dave Brubeck: The Light in the Wilderness

Tagesspiegel vom 30.3.2007

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Swing des Himmelreichs

Wie tausend Zungen klang es durch die Philharmonie: sphärisch die Vokalisen der Damen, sprachnah und vielstimmig die Herren, wenn sie die Zwietracht der Heiden am Turm zu Babel naturalistisch imitierten. Die perfekte Balance zwischen beiden bildete der androgyne Klang des Knaben-Alts, den der junge Elias Maria Kaufhold mit unverstellt natürlichem Timbre gab. Etwas tumultuös waren die „Chichester Psalms“ von Leonard Bernstein los gegangen, mit jazzigem Blech und vollem Stimmeinsatz. Aber im weiteren überzeugte der Berliner Konzert Chor (samt gleichnamigem Orchester) dank des plastischen Dirigats von Jan Olberg. Dieses machte auch vor akustischen Mysterien nicht halt, wie der Schluss der „Psalms“ eines ist: In schönster Demut versinkt hier der gesamte Chor, am Ende bleibt nur numinoser Schauer. Das Gegeneinander von weltlich-infernalischem Lärmen und sphärischem Streicherchor bleibt auch die Quintessenz von Dave Brubecks „The Light of the Wilderness“. Der legendäre Vertreter des Cool Jazz schrieb dieses ausgedehnte Chorwerk 1967 auf Texte aus dem Neuen Testament. So entstand ein rätselhaftes Gemisch aus Kirchenchoral und Jazz-Improvisationen. Prächtig bewähren sich Pianist und Trompete in ihren Soli. Daneben stehen viele choralartige Passagen, die allein vom gemütvollen Bariton Sebastian Bluths profitieren. Wo sich die Extreme treffen, bleibt vorerst Brubecks Geheimnis. Aber schließlich kann auch der Bläserchorus nur in breiteste Big-Band-Nostalgie verfallen: „The kingdom of heaven is at hand“ – das Himmelreich swingt. Matthias Nikolaidis

 

 

Januar 2005, Philharmonie Berlin

Französische Impressionen

Lili Boulanger: Psalm 130 "Du fond de l'Abîme"

Gabriel-Urbain Fauré: Requiem

Tagesspiegel vom 18.1.2005

KURZ & KRITISCH - KLASSIK

Aus der Tiefe des Traums

Am Anfang herrscht Finsternis. Im Verein mit der großen Trommel dröhnt die Orgel im tiefen Register. Dann fleht der Chor zu Gott: „Aus den Tiefen rufe ich dich an". In ihrer Vertonung von Psalm 130 variiert Lili Boulanger (1883-1918) den Bibeltext, lässt Gott doppelt anrufen, fügt ein in schmerzvollen Sekundenabständen gesetztes "Ah" hinzu. Man kriegt Gänsehaut davon. Aus dem Helldunkel zerklüfteter Orchesterfiguren erhebt sich die ausdrucksvolle Altstimme von Manuela Bress, mischt sich mit dem Berliner Konzert Chor und dem Konzertchor Köln. Boulanger wurde maßgeblich von Gabriel Fauré (1845-1925) beeinflusst, den sie auch persönlich kannte. In der Philharmonie lässt sich so eine kontrastreiche französische Kopplung erleben: Auf Zerrissenheit folgt Sanftmut. Faurés Requiem wirkte 1888 skandalös, weil es so friedfertig daherkam. Die Kirche sah sich eines Druckmittels beraubt, denn die Drohung mit Verdammnis war Fauré fremd. Jan Olberg dirigiert die üppige sinfonische Fassung von 1901, das im vergangenen Jahr neu gegründete Berliner Konzert Orchester empfiehlt sich mit samtigen Klängen und lebendiger Rhythmik besonders im „Agnus Dei". Sylvia Weiss (Sopran) und Egbert Junghanns (Bass) sind gute Solisten, und die Choristen lassen verschmerzen, dass Faurés Totenmesse ein wenig süßlich „in paradisum" ausklingt. Allzu parfümiert, um wahr zu sein. Jens Hinrichsen

 

 

Berliner Morgenpost vom 9.11.2004

Ressort Tagestips Klassik

"Elias" zum Geburtstag

Sie hatten Großes vor, die 13 Sänger, die sich am 1. April 1954 in Schöneberg trafen: die Gründung des Berliner Konzert Chors. Am 13. November debütierte das Ensemble in der Neuköllner Pauluskirche. Seither gab es Konzerte in vielen Ländern, in Berlin füllt der Chor die großen Säle. Heute feiert er den 50. Geburtstag mit einem Festkonzert in der Philharmonie. Auf dem Programm steht Felix Mendelssohn Bartholdys "Elias". Leitung: Jan Olberg. Neben dem Chor und Solisten spielen Johannes Raudszus (Orgel) und das Berliner Konzertorchester (Herbert-v.-Karajan-Str. 1, Tiergarten. Tel.: 826 47 27. Heute 20 Uhr, 724,50 Euro). sb

 

 

Tagesspiegel vom 11.11.2004

KLASSIK

Brandopfer mit Folgen

So lange das Runde ins Eckige muss, so lange muss es in unserem Kulturleben Traditionschöre geben, die sich mit Mendelssohns Oratorien-Dauerbrenner Elias messen. Zumindest dann, wenn sie eine Idee davon haben, wie sich folgende Szene anfühlt: „Der Herr ging vorüber, und ein starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem Herrn her." Die Amateure vom Berliner Konzert-Chor haben diese Idee und können sie in der Philharmonie auch eindrücklich vermitteln. Sie tun es Dank hörbar intensiver stimmbildnerischer Arbeit, die sie zu angstfrei offenen Höhen und klangvoll gestütztem Forte befähigt. Sie vermögen es auch durch die Reife, stimmliche Patina und gelassene Präsenz, die viele ältere Chormitglieder mitbringen. Innerlich gefestigt kann der Traditionschor so zu seinem 50-jährigen Jubiläum auf die Bühne treten - und das trotz des durchaus heilsamen Schocks, die zunehmende Konkurrenz um Fördermittel und der Stabwechsel an Jan Olberg in der jüngsten Vergangenheit mit sich brachten. Was Farbenreichtum und dramatisch glaubhafte Deklamation anbelangt, dürften sich Chor und Leiter dagegen noch mehr am Vorbild der Sopranistin Christine Wolff orientieren - auch wenn bei der Brandopferszene einzelne Funken übersprangen. Carsten Niemann

 

 

Berliner Zeitung vom 11.11.2004

Idee der Rührung, Mittel der Gegenwart

Der Berliner Konzert Chor feiert seinen 50. Geburtstag

Peter Uehling

Am Dienstag feierte man in Berlin nicht nur den 15. Jahrestag der Vereinigung von Ost und West, sondern auch den 50. Geburtstag des Berliner Konzert Chores, einer West-Berliner Institution, die seit 2001 einen im Ostteil der Stadt geborenen Dirigenten, Jan Olberg, zum Leiter hat. Aber auch über diese Petitesse hinaus ist der Konzert Chor mit der Berliner Geschichte verbunden. Der Bedarf an hymnischer Erhöhung war groß im von Trümmern und Aufbau geprägten Alltag in der Nachkriegszeit, die Zahl der überhaupt singfähigen Chöre jedoch klein. … Aus solcher Bedarfslage ist 1954 der Konzert Chor entstanden, und er zählt heute neben dem mehr als doppelt so alten Philharmonischen Chor, der Singakademie (Ost) und dem Ernst Senff-Chor zu den guten, großen Laienchören Berlins. … Jan Olberg und seine Ensembles - erstmals wurde der Chor vom neu gegründeten Berliner Konzert Orchester begleitet - gingen mit klarem, schlankem Ton, äußerst präzisem Zusammenspiel und oft sehr raschen Tempi gegen allzu große Sentimentalität an. Die Aufführung stellt zunächst dem Orchester ein sehr günstiges Zeugnis aus: Aus größtenteils sehr jungen Musikern bestehend, ist da seit seiner Gründung im Februar ein sehr exakt und mit großem Lautstärke-Spektrum musizierendes Orchester entstanden, das hervorragend mit dem Chor zusammenstimmt. …

 

 

MÄRZ 2002, Philharmonie Berlin

Beethoven: Missa Solemnis

Tagesspiegel vom 2.3.2002

KULTUR

Die Messe schwingt

Sanft wogen die Klavierauszüge in den Händen der Chorsänger. Wie ein Organismus bewegt sich der Berliner Konzert Chor während der Missa Solemnis, er klingt auch so. Mit homogenem Klang bringen sie die monumentale Konstruktion ins Schwingen. Zart schweben die leisen Stellen, geben Raum zur Reflexion über den von Beethoven überraschend originalgetreu vertonten Text. Ohne den Rahmen der katholischen Messe wird das Werk zum Oratorium, doch bleibt ein Kern transzendenten Inhalts. Der verin­nerlichte Gestus spricht. Auch laute Passagen behalten menschliches Maß. Chorleiter und Dirigent Jan Olberg hat seine Sänger wohl instruiert, hält auch die Berliner Symphoniker in verlässlichem Griff. Auch in diesem Konzert beweist Berlins billigstes Symphonieorchester seine Qualitäten. besonders in den tiefen Streichern und bei den Holzbläsern. Dabei verfolgt Olberg kein besonderes Konzept. Hier wird kein „historisch informierter" Beethoven zum Ereignis, kein außerordentlicher romantischer Schönklang erzeugt. Stattdessen solide aus- musiziertes Vertrauen in die Tragfähigkeit der Komposition. Und siehe: Wer den Noten vertraut und adäquate Solisten hat, kann nicht viel falsch machen. Celina Lindsley (Sopran), Renée Morloc (Alt). Michael Rabsilber (Tenor) und Karsten Mewes (Bass) Finden in der Missa Solemnis ohnehin keine Profilierungsmöglichkeiten, so fügen sie sich in ihr Ensembleschicksal. Einzig im flehenden Rezitativ kurz vor Schluss nimmt der Sologesang dramatische Formen an. Im Dienste des geistlichen Oratoriums, das keines sein will, führt der Chor zum nachhaltigen Hörerlebnis, gerade weil er sich nicht ordinär in den Vordergrund spielt.          Uwe Friedrich

 

 

Mai 2001, Stifts-Basilika Waldsassen

Szymanowski: Stabat mater

Schubert: Messe As-Dur

Der Neue Tag, Weiden, vom 29.5.2001

Berührungen zweier Stilepochen

Berliner Konzertchor interpretierte geistliche Werke von Szymanowski und Schubert

Lange anhaltender Beifall dankte dem Dirigenten Matthias Elger, dem Berliner Konzertchor, dem Karlsbader Symphonieorchester und den vier Solisten für die Gestaltung des zweiten Basilikakonzerts der Saison mit Szymanowski und Schubert. Von Anastasia Poscharsky-Ziegler, Waldsassen. (apz)

Zwei selten aufgeführte Werke in einzigartiger Verbindung gab es am Sonntag zu genießen. Die Basilika-Konzertreihe, präsentiert vom Medienhaus „Der neue Tag/Amberger Zeitung", stellte im zweiten Konzert der Saison Karol Szymanowskis „Stabat mater" und Franz Schuberts Messe As-Dur durch eine Hundertschaft von exzellenten Interpreten vor: den Berliner Konzertchor, das Karlsbader Symphonieorchester sowie den Solisten Esther Lee, Renée Morloc, Alexander Bassermann, Karsten Mewes und Organist Andreas Sagstetter. Kräftiger und ausdauernder Applaus dankte für die überragenden musikalischen Leistungen unter Dirigat von Matthias Elger. Zu einem Gemälde der polnischen Moderne mit avantgardistischen und folkloristischen Farben geriet Szymanowskis Schilderung des Geschehens unter dem Kreuz: Die sechsteilige Kantate sorgte geradezu für einen Sturm existenzieller Emotionen, dem durch zwei ruhige Trauersätze kurz Einhalt geboten wurde. Holzbläser, Blech und Streicher des Karlsbader Symphonieorchesters verbanden sich homogen zu einem runden Ganzen, vor dem die drei Solisten selbstbewusst drei starke, von Dramatik bestimmte Partien übernehmen konnten. Weibliche Grazie ohne einen Anflug von Schwäche stellte die aus Südkorea stammende, stimmlich sowohl kräftige wie sehr bewegliche Sopranistin Esther Lee vor. Frappant harmonierte ihre Lage mit dem vergleichsweise schlanken Alt von Renée Morloc. Das Tüpfelchen auf dem i steuerte jedoch das geradezu heroische Register von Bariton Karsten Mewes bei, der aus der Perspektive eines Predigers, unterlegt von monumentalem Tam-Tam-Donner, der Passion filmähnlich intensive Impressionen schuf. Matthias Elgers Kunst, peinlich genau auf höchst wirkungsvolle Details und Zäsuren zu setzen. gipfelte in paradiesischer Schönheit in den letzten zwei Worten "paradisi gloria" die akustisch kurz und sauberst voneinander getrennt wurden, um in einer grandiosen Verklärung zu verklingen. Die direkte Berührung der modernen Komposition mit Schuberts „Missa solemnis", die stets unter dem Schatten von Beethovens Werk steht, wirkte im direkten Vergleich zunächst sehr konservativ. Doch nahm die durch Tenor Alexander Bassermann erweiterte Darbietung so viel Gehalt und Feuer auf, dass die Absicht des Komponisten, zu Ehren am Wiener Holf zu kommen, überdeutlich wurde und gleichzeitig auch der Grund seines diesbezüglichen Scheiterns offenkundig wurde: Zu undogmatisch, zu unkonventionell, zu individuell war diese Messe für ihre Zeit und die Habsburger angelegt. Doch das macht das Opus gerade aus heutiger Sicht hochinteressant. Aus den zahlreichen positiven Eindrücken der Interpretation sei besonders die „Cum Sancto spiritu"-Fuge erwähnt, bei welcher der gemischte Chor in der unendlichen Komplexität stets sicher die Übersicht behielt, so dass der Hörer nicht durch polyphone Masse überwältigt wurde, sondern in einem feinen Klanggeflecht schwelgen konnte. Doch am liebsten hatte man jetzt noch ein da capo des Szymanowski gehört…

 

Januar 2001, Philharmonie Berlin

Karol Szymanowski: Stabat Mater

Tagesspiegel Online Dienste Vertag GmbH

Nachrichten Berlin Kultur 21.01.2001

Karol Szymanowski: Für Seelen bitten

Isabel Herzfeld

Das schmeichelhafte Etikett "bedeutendster polnischer Komponist seit Chopin" hat Karol Szymanowski nicht viel genützt. Als Impressionist und Symbolist in der Debussy- und Skrjabin-Nachfolge zu spät, als avantgardistischer Anreger zu früh, blieb der Bartók-Zeitgenosse ziemlich unbeachtet zwischen den Stühlen sitzen. Mehr als verdienstvoll also der Einsatz des Berliner Konzertchors und der Prager Philharmoniker KSO (die etwas kompliziert umbenannten ehemaligen Tschechischen Symphoniker Prag) für das "Stabat mater“, die 1928 erfolgte Vertonung der mittelalterlichen Kirchensequenz. Deren gregorianische Melodik, verbunden mit recht exotischen Volksmusik-Elementen, macht das Werk zur heiklen Intonationsübung. Darüber hinaus hat Szymanowski keine Instrumentationsfinesse ausgelassen, um den Klagegesang in ein sinnlich schimmerndes Gewand zu hüllen, fast zärtlich weich, wenn die Sänger am Ende zum Glöckchenklang um "paradisi gloria" für ihre Seelen bitten. Der junge Dirigent Jan Olberg, derzeit künstlerischer Leiter der Jugendgruppe des Chores, steuert den großen Musikertanker mit großem Engagement und zunehmend sicher durch diese Klippen, in hochdramatischen, die Todesfurcht aufwühlenden Passagen gelegentlich etwas pauschal, mit wachem Klangsinn in allem Lyrischen. Doch der eigentliche Glanzpunkt des Abends sind die Solisten: Esther Lee mit dunkel gestütztem klarem Sopran, Renée Morloc mit erdigem Alt, Marcus Ullmanns strahlkräftiger Tenor und Karsten Mewes' runder Bariton - unverbrauchte junge Stimmen, die aufeinander hören und so mit glaubwürdiger Empfindung so manches Staraufgebot übertrumpfen.

 

 

Mai 1999 Philharmonie Berlin

Verdi: Attila

Konzertante Opernaufführung

DER NEUE MERKUR, Wien, Juni 1999

"ATTILA" 21.5. (konzertant)

Die selten zu hörende Verdi-Oper füllte auch im kulturgesättigten Berlin den weit über 2000 Personen fassenden großen Saal der Philharmonie, was umso erfreulicher ist, als die Konzertdirektion Hans ADLER nicht mit ganz großen "Namen" lockte, jedoch mit einem hochrangigen Sängerensemble und ausgezeichneten Gruppenleistungen unter der musikalischen Leitung von Nikos ATHINÄOS (bzw. des Chordirektors Matthias ELGER) eine vollgültige Verdi-Interpretation bieten konnte. Wie viele gute Orchester es in deutschen Landen gibt, läßt mich immer wieder staunen. Gewiß hängt das mit dem intensiven Einsatz der Musiker zusammen, die in mittleren und kleineren Städten für Theater- und Konzertdienste zur Verfügung stehen müssen und sich somit eine gewisse Flexibilität aneignen. Günstig für anhaltende Qualität ist natürlich die langfristige Bindung eines effizienten Chefdirigenten. Das STAATSORCHESTER FRANKFURT (Oder) besteht seit 1971, und seit nunmehr 10 Jahren steht ihm der Grieche Nikos ATHINÄOS vor, mit dem es sich nicht zuletzt bei zahlreichen Auslandsgastspielen bewähren konnte. Zu bewundern war an diesem Abend, dem in gleicher Besetzung eine "Attila"-Aufführung im heimatlichen Frankfurt vorausgegangen war, das blitzsaubere Spiel einer Musikerschar, die mit dem geförderten Trompetenglanz für die Schlacht- und Siegesrufe, mit den schicksalsschweren Posaunen- und Tubenklängen ebenso wie mit lieblichen Holzbläserkantilenen und innig-intensiven Streicherpassagen aufwartete. Besondere Freude bereitete der Schlagzeuger, der mit wahrer theatralischer Lust "auf die Pauke haute", dennoch sich der kultivierten Spielweise seiner Kollegen anpaßte. Der Dirigent vermochte auch Chor und Solisten hervorragend ins spannende Klanggeschehen zu integrieren. Dem BERLINER KONZERTCHOR ist ein homogener, sehr disziplinierter Klang mit großer piano-Kultur zu attestieren, so daß die lyrischen Chornummern besonders wohltönend gerieten. Aber auch für die kriegerischen Akzente stand den Herren genügend Kraft und Präzision zu Gebote. Daß eine frühe Verdi-Oper nicht an die Grenze des Lächerlichen oder gar Chauvinistischen gerät, verlangt allemal von den Ausführenden stilistische Kompetenz und viel Geschmack. …

 

 

März 1998, Philharmonie Berlin

Felix Mendelssohn Bartholdy: Elias

BERLINER MORGENPOST vom 28.3.1998

Die verkappte Oper vom zürnenden Propheten

Berliner Konzert-Chor sang den „Elias"

Gemeinhin gelten Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorien als klingendes Beispiel für den Historismus in der Musik, als musikalisches Pendant zu den Heiligenbildern der Nazarener. Gegen dieses Image opponierte nun Matthias Elger in der Philharmonie. Er erbrachte mit seiner am Ende bejubelten Interpretation des „Elias" den Beweis, daß der Komponist durchaus kein sanfter Musterknabe gewesen. ist. Mendelssohn als verkappter Opernkomponist - eine Interpretationsmöglichkeit, … deren Verwirklichung … über Zweifel erhaben ist Elger geht ganz richtig aus vom biblischen Vorläufer Jesu, der eben keine blässliche und genrehafte Figur gewesen ist … Der Auffassung … entsprach die vokale Konturierung durch Peter Lika. Mit … seiner imposanten Erscheinung, einem Propheten ähnlich, verströmte seine voluminöse Wotanstimme Pathos, Wucht und Würde. Am Elias orientierte sich offenbar der klangliche Aufriß der ganzen Wiedergabe: außerordentlich heftig alle Crescendi und jedes Forte, zugespitzt alle dramatischen Akzente, die von den hervorragend begleitenden Berliner Symphonikern sowie. dem Organisten Reiner Stelzner nachdrücklich gesetzt wurden. Trotz des permanent scharf angezogenen Tempos kam der Konzert-Chor kein einziges Mal aus dem Takt, rutschte bei aller Vehemenz des Singens nicht ins Forcieren ab. … in dieser Großzügigkeit lag der große Atem, das interpretatorische Feuer, das vom ersten bis zum letzten Takt anhält. … Annette Yasmin Glaser (Sopran), Christine Esterhazy (Alt) und Markus Liske (Tenor) füllten ihre … Rollen …voll und ganz aus. Wolfgang Schultze